Dienstag, 11. Januar 2011

Strenesse blue oder die Freude des Bloggens

Strenesse blue Kollektion Winter 2010

Bild von
strenesse

Am Wochenende habe ich das gemacht, was ich eigentlich immer am Ende der Woche tue: Meine Emails der vergangenen Woche sichten und ordnen. Dabei war auch ein Newsletter von Impressionen. Und ich wäre wohl eine untypische Frau, wenn nicht der riesige Sale!-Button der Modeartikel alle Vernunft ausgeblendet und die Neugier angestachelt hätte. Wenigstens mal gucken! Mein Blick fiel dann auch gleich auf die Artikel der Strenesse Blue-Kollektion. Nicht nur, weil ich die Schlichtheit und Raffinesse der verwendeten Materialien von strenesse mag, sondern weil mich das oben abgebildete Outfit verdächtig an einige Kleidungsstücke erinnert, die ich „zwischen den Tagen“ von weniger hochpreisigen Herstellern sehr zu meiner Freude in einem Kaufhaus in Husum ergattert hatte. Und der Schal im Patentmuster sieht doch meinen patentgestrickten Schlauchschal, den ich mir vor einiger Zeit aus den 80er-Wollresten meiner Nachbarin gestrickt hatte, ebenfalls ähnlich. Warum ich das alles erwähne? Weil ich es nicht lassen konnte, die regulären Preise der abgebildeten Strenesse-Artikel zu addieren: Schal 99,95 Euro, T-Shirt 99 Euro, Cardigan 249 Euro, Hose 199 Euro. Na, habt ihr’s schon zusammengerechnet? Für alle, die wie ich ihre dafür vorgesehenen Gehirnareale nur noch selten zum Kopfrechnen benutzen, hier die Gesamtsumme: 645,95 Euro. Die Stiefeletten sind selbstverständlich nicht im Preis enthalten. Genauso wenig wie die ledernen Fingerhandschuhe.

Ich glaube, ich hätte weniger ein Problem mit diesem Preis, wenn ich nicht genau wüsste, dass auch diese Bekleidungsstücke in Billig-Lohnländern gefertigt wurden, in denen die Produktions- und Arbeitsbedingungen nicht durch Gewerkschaften und sonstige Institutionen unter ständiger Beobachtung stehen, in denen die Begriffe 40-Stunden-Woche, soziale Sicherungssysteme und Altersteilzeit nicht zum beruflichen Wortschatz gehören. Ich habe auf der Internetseite von strenesse jedenfalls keinen Hinweis auf eine sozial unbedenkliche Produktion gefunden.

Klar, auch ich kenne Zeiten, in denen ich ausreichend Geld zur Verfügung hatte, und mal eben Dir nichts mir nichts für ein Paar Schuhe 200 Euro ausgegeben habe. Ich war sogar stolz darauf, mir so etwas leisten zu können. Um ganz ehrlich zu sein: Momentan kann ich mir solche Ausgaben nicht erlauben. Schon allein deshalb könnten mir meine Eingangsworte als Neid der Besitzlosen ausgelegt werden. Welchen tiefenpsycholgischen Anteil diese niederen Motive an meinem heutigen Post haben, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen. Trotzdem: Ich mache mir schon länger Gedanken darüber, welches die Hintergründe für die stetig zunehmende Zahl an Blogs, Foren, Verkaufsportalen etc. ist. Warum bloggt man? Warum blogge ich?

Zum einen dient mein Blog als Archiv, das ich immer und überall abrufen kann. Natürlich auch als Reminder verschiedener Gemüts- und Lebenslagen, als ein großer Pool von vor allem „good vibrations“. So lese ich mir beispielsweise vor allem in Zeiten, in denen das Selbstbewusstsein ein wenig bröckelt, häufig die Kommentare meiner Leserinnen durch und empfinde dabei so etwas wie kindlichen Stolz. Nun könnte ich meine Strickstücke auch meinen Freundinnen vorführen, die Komplimente wären sicherlich nicht weniger wohltuend. Aber es ist doch etwas anderes, wenn so etwas aus der fachmännischen Strick-Community kommt, die ein Auge für Details und Techniken hat. Semiprofessionelles Feedback auf höchstem Niveau sozusagen, da möchte frau nicht drauf verzichten.

Gleichzeitig wird man als Bloggerin natürlich zur öffentlichen Person. Nur wenige Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung haben Verständnis dafür, dass ich so viele Details aus meinem täglichen Leben für Gott und alle Welt zugänglich mache. Ich sehe das etwas anders, nämlich als Teilen und Austauschen. Ich freue mich, wenn ich sehe, dass andere Strickerinnen das gleiche Teil wie ich in Arbeit haben, ich freue mich über die professionelle Art der Präsentation, entdecke in vielen Strickerinnen-Wohnungen ähnliche Einrichtungspräferenzen, fühle mich bestätigt. Nicht falsch verstehen: Ich halte mein soziales Umfeld für durchaus intakt, ein „Was hast Du denn wieder für eine tolle Vase auf dem Trödelmarkt entdeckt?“ meiner Freundin erfüllt mich immer noch mit mehr Freude als alle Kommentare auf flickr. Aber diese ganze, reichhaltige, inspirierende Welt des www ist einfach eine zusätzliche kleine virtuelle Streicheleinheit für die Seele. Yeph, ich bin nicht allein mit meinen Vorlieben. Sehr schön, fühlt sich gut an. Narzistisch, könnte man sagen. Schadet zum Glück aber keinem.

Um zum eigentlichen Aufhänger dieses Post zu kommen, nämlich dem Wert von bestimmten Dingen, kann ich nur sagen: Durch das Bloggen und das Bloglesen haben für mich viele Dinge, insbesondere das Handarbeiten (was für ein schöner, spießig-sperriger Begriff!) wieder eine neue Wertigkeit bekommen. Wenn ich sehe, mit wie viel Akribie so viele (vor allem) Frauen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, aus Wolle die tollsten Kleidungsstücke zaubern, wie geschickt mit Nähmaschinen umgegangen wird, wie die diversesten Materialien recycelt werden, wie mit Hilfe vom Bohrmaschinen und Handkreissägen aus sägerauhen Brettern plötzlich Möbel entstehen, wie verschönert, modifiziert und individualisiert wird, bin ich manchmal neidisch, manchmal zutiefst gerührt, manchmal euphorisiert und immer wieder erstaunt, was Kreativität und ein Wille schaffen können! Ach ja, nicht zu vergessen: Und wie viel Befriedigung der Abschluss eines solchen Projektes bedeuten kann. Da ist es doch mehr als verständlich, das man hinaus in die Welt gehen und sein Glück herausposaunen möchte. Im heutigen digitalen Zeitalter posaunt man dann eben via Computer.

Wenn ich mir nun also das oben abgebildete Ensemble noch einmal anschaue, drängen sich mir unwillkürlich Materialien, Verarbeitung, Schnitte und Nadelstärken auf. Wie oft denke ich in einer Umkleidekabine „Das kann ich auch selber machen“ und hänge das Grobgestrickte zurück an den Ständer. Dass mir allein meine zeitlichen Reserven auf ewig den insgeheim gewünschten prallvollen Kleiderschrank verwehren werden, muss ich wohl nicht extra betonen. Allerdings: Gerade der einfache Schnitt des Cardigans lässt es in den Fingern jucken. Könnte man doch als kleines Abendfüllerprojekt mal angehen. Vielleicht finde ich ja zu meinen khakifarbenen Mohaiwollresten aus den 80ern noch die passende Entsprechung auf ebay oder dem nächsten Flohmarkt? Eins ist jedenfalls gewiss: Wenn ich das komplette Outfit zusammengestellt habe, wird es an dieser Stelle zu sehen sein. Und ich werde vor Stolz fast platzen ob der vielen Kommentare, mit denen ihr, meine lieben Blogleserinnen, sicherlich nicht sparen werdet.

Und wer nun immer noch eindeutig große Labels präferiet: Schal, Cardigan, T-Shirt und Hose gibt es ja jetzt im sale für schlappe 446,95 Euro!!

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